22.08.2018

Rubbeln

Der von der Arbeit müde Mann sass im Büro. Er sass auf einem hölzernen Bürostuhl, dessen über 25 Jahre Arschdruck ihm zugesetzt hatte. Das Sitzen war auch an dem Allerwertesten des grauhaarigen Mannes nicht ohne Spuren vorbeigegangen, seine Hämorrhoiden picksten unangenehm, doch das Geld für eine Behandlung fehlte ebenso wie jenes für einen neuen Bürostuhl. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein Los. «Win for Life» steht in bubbeligen Lettern drauf. Der junge Mann, der alt aussieht nimmt ein grosses Geldstück und beginnt, eine graue Fläche aufzurubbeln, grünsilberne Spähne wirbeln über den abgewetzten Bürotisch. Wie oft hatte er sich ausgemalt, wie oft in den 25 Jahren seiner bleiernen Zeit ohne Perspektive an diesem Arbeitsplatz, hatte er nach dem grossen Gewinn gehofft. Wie lange mochte ihm bleiben? 20 Jahre? Gerade richtig, jetzt einen Gewinn eizufahren. Richtig und gerecht. Doch er rubbelt lustlos, seine Hoffnung zerronnen wie die weggerubbelten Spähne. Eine Zahl. Ein WIN. Zahlen und wieder ein WIN. Zweimal WIN, das kannte er zu gut, jedes zehnte Los hatte ihn jahrelang bangen und innehalten lassen; würde ein drittes WIN aufgerubbelt werden? Er hält kurz inne, erinnert sich seiner Träume und Wünsche. Was er tun würde. Wie er schweigen und so tun würde, als sei es eine weitere Niete. Fast jeden Tag. Für einen Fünfer seit 25 Jahren, dem Kiosk dort vorne beim Parkplatz gespendet, der plappernden Inderin, die er nie verstanden, stets aber freundlich angelächelt und dazu Verstehen heuchelnd genickt hatte, bezahlt. Ob sie je gespielt hatte? Tun das Kioskverkäuferinnen? Er wusste es nicht, hatte nie gefragt, es war ihm egal. Er rubbelt weiter. Ein WIN erscheint. Dann legt er den Fünfer weg und kontrolliert, ob er eine Zahl hat, die mit der Liste korrespondiert, aber es ist keine dabei. Eine Niete, natürlich. Das Los flattert in den Müll, doch seine Hand hält ihn zurück – ein letzter Kontrollblick muss sein. WIN, WIN, Zahl, Zahl, Zahl, WIN. Dreimal WIN. Der Supertreffer. Einfach so, heute, der Tag normal begonnen, bisher nichts aussergwöhnliches. Gewonnen. «WI … WI …!» entfährt es ihm, seine Stimme ein hysterisches Krächzen. Ein Mitarbeiter, grau und müde wie er, dreht sich mit steifem Nacken um, mustert ihn über den Rand seiner wolkig-fleckigen Brille, schüttelt den Kopf und dreht sich wieder weg, seiner Arbeit zu. Der Mann sitzt da und blickt auf sein Los. Minutenlang. Es kann nicht stimmen, er hat etwas übersehen, jetzt nicht zu früh freuen, es könnte ein Fehler sein. Zwanzig Jahre lang jeden Monat 4000 Franken, einfach so, ohne was zu tun. Was, wenn es wahr wäre? Jemand könnte ihm das Los stehlen. Jetzt keinen Fehler machen! Seine Hände zittern, das Szenario, tausendmal gedanklich durchgespielt, versagt, er möchte aufspringen und allen den Stinkefinger zeigen, eine lange Nase drehen, etwas saublödes tun. Nein! Genau das eben nicht. Zunächst alles so machen, wie auf dem Los beschrieben. Er wartet auf den Feierabend, arbeitet nichts mehr, kann nicht mehr denken und seine Hände nicht mehr kontrolliert im Takt der Arbeit bewegen. Dann schrillt die Glocke, der Arbeitstag ist zu Ende, er kümmert sich um das Los, macht alles richtig, nun ist es deponiert und nichts kann mehr schief gehen! Endlich. Bloss kein Wort zu niemandem. Er verlässt das Büro, das Gebäude, das Gelände, steigt in den Bus wie immer.
Am kommenden Morgen erscheint der Mann nicht zur Arbeit. Niemand hat ihn je wieder gesehen.
Doch was geschähe wirklich? Spielte es sich so ähnlich ab? Oder könnte der Mann sich vor seinem Verschwinden nackt ausgezogen und auf das Arbeitspult seines Chefs uriniert haben? Wahrscheinlich schon.

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