14.01.2020

Man darf nicht mehr lesen in der Öffentlichkeit

Was ist eigentlich mit diesen Menschen los, die es «schade» finden, dass man morgens in den öffentlichen Verkehrsmitteln nicht mehr miteinander redet? Alle würden immerzu in ihre Smartphones oder Computerbildschirme schauen. Das war natürlich vor der Erfindung dieser Geräte total anders. Alle redeten unablässig miteinander, es war ein Lärm und ein rufen von der Front bis zum Heck des Busses, über den Park, von Bank zu Bank, im Rasen, auf den Strassen und am Zebrastreifen. Und das auch in Städten mit über einer Million EinwohnerInnen, in überfüllten U-Bahnen, an Strassenecken, auf der Rolltreppe im Warenhaus, unter Menschen, die sich noch nie gesehen hatten und sich nie mehr sehen werden. Das war schon lange vor der Steinzeit so, wenn sich der Australopitecus und der Cro-Magnon-Mensch trafen, dann schubsten sie sich nicht vom Fels weil sie die Evolution beeinflussen wollten, nein, sie unterhielten sich, jagten gemeinsam und hatten es gut zusammen, grunzten fröhlich und machten Töne ohne zu verstehen. Ebenso im Tierreich. Die Elefanten, die durch die Savanne wandern, sind unablässig am Schwatzen, man kann es fast bis zum Südpol hören. Fliegen und Mücken, Libellen und Spinnen, sie alle unterhalten sich von morgens bis abends während sie über dem Teich rumfurzen, während sie ihre Netze auswerfen oder ihren Stachel in die Haut eines Menschen stossen, der pausenlos auf sein Händy guckt. Ja, und dann kommt der moderne Mensch mit seinen Smart Devices, und zum ersten Mal in der Evolution, als einzige Form des Lebens, redet man nicht mehr miteinander. Es ist wohl das Ende unserer Zivilisation. Ich weiss nicht, wie das AA des jungen Mannes neben mir im Bus heute ins Klo plumpste, weil er es mir nicht erzählen konnte, weil ich ein Smartphone besitze, es entgeht mir wohl etwas. Mit Sicherheit aber roch es nicht annähernd so streng wie die giftige Atmosphäre, die seiner Mundöffnung entweicht. Sprich mich nicht an, bitte sag nichts! Woher hat er nur dieses Gas, welches jeden Erfinder chemischer Waffen wie einen Schuljungen aussehen liesse? Was soll ich morgens mit einer Person neben oder gegenüber von mir reden, deren Mundöffnung den Geruch verkehrtherum ausgeschiedenen Dickdarm-Stoffwechsels verströmt? Also lasst uns doch in Ruhe unsere Zeitungen und Bücher lesen. Und hört auf, mich anzurempeln, wenn ich auf dem Smartphone die Zeitung lese.

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